Wasser für die Seele

Wann sind wir endlich da? Hitze, Enge, Durst. Tausende von Menschen verbringen jedes Jahr Stunde um Stunde in der Blechhölle auf der Autobahn. Ihr Ziel? Na klar: das Meer.

Und dann das Größte. Der tollste Moment. Hinter der nächsten Kurve, hinter dem nächsten Hügel taucht es zum ersten Mal auf. Glitzernd liegt es in der Sonne. Wir atmen aus. Wir kommen an. Im Urlaub, im Paradies, bei uns selbst. Wir sind am Meer.

Glück ist natürlich

Der Touristikkonzern Tui machte die Reiseveranstalter mit dem Ergebnis einer Studie zum Thema „Was Touristen glücklich macht“ so gar nicht glücklich. Nur zwölf Prozent allen Urlaubsglücks werden vom tollen Hotel, dem ausgesuchten Service oder der anspruchsvollen Unterhaltung verursacht. Ungeschlagen vorne: die Landschaft, die Natur. Mit der Familie am Strand sein, die Weite des Meeres erleben, Teil der Elemente sein. Die Reiseindustrie muss wohl der Wahrheit ins Auge blicken: Glücksgefühle, an die sich Familie Meier noch Jahre später verzückt erinnert, sind exklusiver Verdienst der Natur. Stellt man nun den Menschen die Frage, warum das Meer sie glücklich macht, passiert immer das Gleiche: Der Blick geht verträumt in die Ferne, ein entrücktes Lächeln umspielt den Mund. Allen geht es so mit dem Meer – aber kaum jemand weiß, warum das eigentlich so ist. Das Meer steht für das totale Gegenteil unseres Alltags. Es ist ungestüm, wild, elementar und gehorcht keinen Regeln. Neben dem Meer spüren wir unsere Unzulänglichkeit, sind unbedeutende Wesen im Angesicht dieser Naturmacht, die um so viel stärker und mächtiger ist als wir.

Demut spielt eine Rolle. Und Loslassen. Endlich sind wir nicht in unserem fordernden Büroalltag gefangen, die Kinder zerren nicht an uns, während wir gleichzeitig telefonieren und das Essen kochen. Wir lassen los, überlassen uns dem Meer und seinen heilenden Farben und Gerüchen. Die salzige Brandungsluft pustet uns durch und den Stress aus uns heraus. Nackte Füße fühlen den Sand und verbinden sich endlich wieder mit der Erde. Kinder sind nur Kinder – vergraben ihre Eltern im Sand, der Körper wird schwerelos im salzigen Wasser. Meer heilt. Es heilt unseren Körper, die Haut und unsere Seele. Nirgendwo tanken wir so schnell und so effizient auf. Auch Seen und Flüsse üben eine Faszination aus. Und allem Wasser ist etwas gemein: Es hat etwas Beruhigendes. Am Wasser hat man außerdem eine andere Sicht auf die Dinge, das Leben, die alltäglichen Sorgen. Denn wenn der Blick ungehindert in die Ferne schweifen kann, ist das nicht nur räumlich eine Horizonterweiterung. Das ist der Grund warum es Menschen auch im Winter ans Wasser zieht, wenn die Seen zugefroren sind und ein kalter Wind über die Küste bläst.

Meer gegen Stress

Das Meer ist unverbaubar. Nichts stört unseren Blick, er kann ungehindert bis zum Horizont wandern und gibt uns so ein unlimitiertes Gefühl der Freiheit. Das Lichtwellenspektrum der blau-grün-türkisen Meeresfarben wirkt zusätzlich beruhigend, entspannend und  stressmindernd. Und das Rauschen der Wellen hat einen ähnlichen Effekt wie Meditationsmusik. Entspannungs- und Hypnosetherapeuten setzen es ein, weil es unserem Atemrhythmus ähnelt. Die Vorstellung, am Meer zu sein, wirkt derart positiv auf die Psyche, dass sogar eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt besser überstanden werden kann. Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke in Nordrhein-Westfalen untersuchten, in welcher Weise das Wellenrauschen Zahnarzt-Patienten beeinflusst. Ergebnis: Die mit Meeresrauschen beschallten Patienten blieben ruhiger, sie empfanden weniger Schmerzen und Angst. Dieser Effekt verstärkte sich sogar noch durch zusätzliche Videoaufnahmen von Meer und  Strand. Ärzte stellten ebenfalls fest, dass Patienten von einem Aufenthalt am Meer vitaler und entspannter zurückkommen. Die höhere UV- Strahlung hilft Menschen mit Herbst-Winter- Depressionen, die pollen-  und staubarme Luft lässt Allergiker durchatmen, das küstennahe Reizklima stimuliert das Immunsystem. Nicht zuletzt sind Algen eine wertvolle Nahrungsergänzung und  die Meerespharmakologie entwickelt ständig spektakuläre neue Medikamente.

Mama-Meer

Nach  einer  weiteren Theorie,  die durchaus verbreitet  ist, zieht es uns stetig ans Wasser, weil es uns bereits im Mutterleib umgibt. Wir sehnen uns   nach  diesem  pränatalen Geborgenheitsgefühl,  weil wir uns dort, in Mamas Bauch, so sicher  und aufgehoben gefühlt haben, wie später nie wieder – auch wenn es unbewusst ist. Und so wollen auch immer mehr  Menschen die wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben mit dem Meer verbinden. Hochzeitspaare heiraten im Angesicht des  Meeres, oft ist es sogar der einzige Trauzeuge. Kinder werden am Meer getauft, verliebte Männer fallen im Sand auf die Knie und machen ihren Antrag  im Beisein  des Ozeans. Denn nichts – und da sind sich auch die meisten Menschen einig – ist romantischer als das Meer. Höchstens das Meer und ein Sonnenuntergang.

Freiheit auf den Mini-Inseln: Leben auf einer Hallig.

Es gibt Menschen, die sich sogar für ein Leben mitten im Meer entschieden haben. Die zehn noch existierenden deutschen Halligen sind kleine Marschinseln im nordfriesischen Wattenmeer. Die größte ist 9,5 km², die kleinste gerade mal 0,03 km² groß. Die zehn Halligen sind einzigartig auf der ganzen Welt. Entstanden sind sie vermutlich aus anderen Nordseeinseln oder Festland, das während Sturmfluten zerrissen wurde. Die Hälfte der Halligen gehört zum Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Sie sind entweder gar  nicht oder nur wenig vor den Wassergewalten geschützt. Nur einige Meter über dem Meeresspiegel liegend werden sie ständig komplett vom Wasser überflutet. Die Wohnhäuser stehen wenig  erhöht auf künstlich angelegten Erdhügeln, den „Warften“, und  trotzen Wind und Wetter. So heißt es bei Sturmflut auf den Halligen regelmäßig „Landunter“. Dann schauen nur noch die Warften aus der tobenden See, ein besonderes Erlebnis für die  mutigen Gäste. Wenn es ganz schlimm kommt, können sich die Bewohner in einen auf langen Betonpfählen ruhenden Not-Raum im  ersten Stock zurückziehen. Sieben der zehn Inseln sind heute von insgesamt ca. 300  Menschen bewohnt. Auf den größeren Halligen gibt es sogar Schulen – im Durchschnitt besuchen 10 Schüler eine Schule. „Schwimmende Träume“  nannte Theodor Storm die Halligen. Die Menschen, die auf ihnen leben brauchen die Nähe zum Meer, lieben Wind und Wetter  und lassen sich durch die Bedrohung des „Blanken Hans“ (die tobende Nordsee) nicht einschüchtern. Im Gegenteil. Die See ist Teil ihres Lebens und umgekehrt. Das Aufbäumen der Nordsee gehört dazu und lässt die Hallig-Menschen im Angesicht  der Gefahr ihre Kraft spüren. Das macht süchtig – wenn  man genug Mumm hat. Viele Halligbewohner sind Angestellte des Landesbetriebes für Küstenschutz und halten Uferbefestigung, Wiesen und Lahnungen instand. Die sind gerade in Zeiten des Klimawandels unverzichtbare Bollwerke gegen den „Blanken Hans“. Sie bremsen die stürmische See, damit die nicht am Festland knabbert. Halligbewohner sind tiefenentspannt, aber sie unterschätzen das Meer niemals, sie passen sich ihrer  Umgebung an und beobachten das Wetter jeden Tag ganz genau. Das  Festland ist weit weg und nur mit dem Schiff oder bei Ebbe, auch mal mit Pferd  oder Traktor, über das Wattenmeer zu erreichen. Das Leben ist einzigartig, ein Leben in und mit der Natur, ein Leben in den Gezeiten, im ewigen Kommen und Gehen des Meeres. Ob sie sich nicht manchmal einsam fühlt, wird eine Halligbewohnerin von den Sommer-Gästen gefragt. Sie runzelt verwundert die Stirn. „Die Menschen in der Stadt  sind sicher einsam. Wir haben das Meer.“

Fotocredits: Stockvault, Geoffrey Whiteway | Stockvault, Merelize | Stockvault, Bojkic, Nejron, 2Happy | Stockvault, Rebelml
Text: Mag. Nina Schöneweiß-Artner


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